Hinweise zur angestrebten "Kongresskultur"
Aus Unsere Bildung
Herzlich willkommen beim hessischen Bildungskongresses vom 22. bis 24. Januar 2010 in Kassel! Herzlich willkommen beim Bildungsstreik 2010! Dieses kleine Heft soll euch als kleiner Orientierungsleitfaden dienen. Zwei Mal haben wir uns nun schon zum hessischen Deligiertenplenum getroffen. Mit diesem Kongress soll nun ein weiterer Schritt in Richtung einer besseren Vernetzung und inhaltlicher Weiterentwicklung unseres Protestes getan werden. Lasst uns keine Zeit verlieren und loslegen. Wir freuen uns auf eine kritische und produktive Zusammenarbeit! Euer AK Bildungskongress
Plenumskultur Um in diesen drei Tagen produktiv und in einer angenehmen Atmosphäre miteinander arbeiten zu können, möchten wir euch die Grundlage unserer Plenumskultur vorstellen. Auf diese Weise soll jegliche Art von Unterdrückung und Ausschließung vermieden werden.
Jede Gruppe, bzw. jedes Plenum könnte, um ein konstruktives Gespräch führen zu können, vor Beginn eine Redeleitung, eine_n Protokollantin oder Protokollanten und eine Moderation bestimmen.
Die Redeleitung ist wichtig, um in einer Gruppe von vielen Menschen eine Redeliste zu führen und das Wort zu erteilen, so dass alle angehört werden können. Dabei verwenden wir eine einfach-quotierte Redeliste (Erklärung siehe unten). Die Redeleitung für größere Plena kann auch aus mehreren Menschen bestehen, damit keine Meldung übersehen wird und keine Missverständnisse entstehen.
Das Protokoll dokumentiert den Gesprächsverlauf und hält Ergebnisse bzw. Zwischenergebnisse fest. Mit dem Protokoll sollte möglichst weitergearbeitet werden können, d.h. auch, dass es für alle verständlich formuliert sein sollte. Es sichert nicht nur Ergebnisse, sondern ermöglicht es auch anderen Menschen, die nicht an der AG teilnehmen konnten, die Inhalte zu erfahren und evtl. später mitarbeiten zu können.
Die Moderation ordnet das Gespräch. Sie achtet darauf, dass das Gesprächsklima und der Umgang miteinander respektvoll und angenehm für jede_n bleibt. Sie sollte dafür sorgen, dass Themen nicht gegen die Wand laufen und versucht zu vermeiden, dass sich Diskussionen im Kreis drehen. Die Moderator_innenrolle ist also die neutrale, ausgleichende Instanz, die die am Gespräch teilhabenden Menschen dabei unterstützen soll, zu einem Ergebnis zu kommen. Mit dieser neutralen Position ist es möglich Konflikte schnell zu lösen bzw. sie zu vermeiden und sich auf das gewählte Thema zu konzentrieren und voranzukommen. Es ist sehr wichtig, dass alle den oder die Moderator_in unterstützen, indem alle sich melden, wenn sie etwas sagen wollen und nicht reinreden. Um ein gewaltfreies Klima zu schaffen, muss darauf geachtet werden, dass alle ausreden können und ihnen nicht über den Mund gefahren wird. Wir gehen davon aus, dass mögliche Lösungen am besten erreicht werden, wenn die Thematik aus vielen Perspektiven betrachtet wird. Deshalb ist jeder geäußerte Beitrag gut und wichtig. Es geht auch nicht darum festzustellen, wer Recht hat oder sich mit seiner Meinung durchsetzen kann, sondern um die Sache selbst.
Was heißt Konsensentscheidung im Plenum?
Konsens bedeutet Übereinstimmung und ist in jeder zwischenmenschlichen Auseinandersetzung wünschenswert. Viele Entscheidungen in unserer Gesellschaft werden nach dem Mehrheitsprinzip entschieden. Hierbei fallen aber Minderheiten, die es meistens bei einer Abstimmung gibt, unter den Tisch. Selbst der Mehrheitsentscheid führt lediglich dazu, dass sich Wenige gegen Viele durchsetzen dürfen.
Auch wenn Menschen mit etwas nicht einverstanden sind, werden Aktionen durchgeführt und Entscheidungen getroffen, die jemand mittragen soll. Das schafft Hierarchien. Bei unseren Protesten geht es aber um Jede_n von uns. Alle haben viel Kraft und Eigenes investiert, in welcher Form auch immer. Es ist uns deswegen wichtig, dass es keine Hierarchien gibt. Wenn eine Entscheidung uns alle betrifft, dann sind wir auch alle gleich wichtig. Deswegen ist auch jede Meinung gleich wichtig. Wenn ein Vorschlag nicht von allen getragen werden kann, dann ist es nach dem Konsensprinzip nicht möglich diesen in die Tat umzusetzen. Die Diskussion kann, wenn kein Konsens gefunden wird, aus dem großen Rahmen in eine dezentrale, unabhängige Gruppe verlagert werden, um so vielleicht neue Perspektiven zu eröffnen. Dadurch kann die Arbeitsfähigkeit des Plenums gewährleistet werden, ohne das Thema zu verwerfen. Wir wollen allerdings auch nicht, dass aus Mangel an Zeit und Geduld während Diskussionen eine_r von uns nicht verstanden wird. Also bringt euch ein! Sagt laut und traut euch zu sagen, wenn euch etwas nicht gefällt, bitte ggf. einen Freund oder eine Freundin, dich dabei zu unterstützen.
Wir wollen einen Konsens herstellen, damit diese Bewegung wirklich die Bewegung von uns allen ist, die wir uns an ihr beteiligen und sie sich auch entsprechend der Beteiligten wandeln und vorankommen kann.
Der Konsens beinhaltet allerdings die Gefahr, das Veto als strategisches Mittel zum Erreichen eigener Positionen oder zum Blockieren von Diskussionen oder gar Entscheidungen einzusetzen. Deshalb die Bitte an uns alle: Lasst uns verantwortungsvoll damit umgehen, um keine Herrschaftsverhältnisse entstehen zu lassen.
Warum wir uns für eine einfach-quotierte Redeliste aussprechen? Die in unserer Gesellschaft vorherrschende binäre Geschlechtertrennung und die damit verbundene Unterdrückung des Andersseins, kritisieren wir als AG Programmgestaltung. Daher sprechen wir uns, nach einer ausführlichen Auseinandersetzung und Diskussion, gegen eine doppelt-quotierte Redeliste aus. Da diese ebenfalls einen Beitrag zur Reproduktion eben solcher unterdrückenden Verhältnissen leistet. Dem gegenüber halten wir das Erstredner_innen-Recht für sinnvoll. Das bedeutet, dass Menschen, die sich zum ersten Mal an einer Diskussion beteiligen, Vorrang beim Rederecht haben sollten. So wollen wir es Menschen, die sich weniger zu Wort melden, erleichtern, ihre Meinung einzubringen. Zudem wird durch das Erstredner_innen-Recht das Risiko vermindert, dass Diskussionen nur zwischen sehr wenigen Menschen entstehen und somit zirkulär verlaufen.
Kommunikation ist wie ein Raum - je mehr Platz ich einnehme, desto weniger Platz hast du.
Welche Handzeichen möchten wir verwenden? In einem großen Plenum müssen wir oft lange warten, bevor wir an der Reihe sind. Um Meinungen trotzdem ausdrücken zu können, hat es sich bewährt, mit Handzeichen zu arbeiten. Bei den meisten Bildungsstreik- und Besetzungsplena haben sich Handzeichen etabliert. Diese unterscheiden sich jedoch oft von Plenum zu Plenum. Um keine Missverständnisse und/oder Konflikte über die Benutzung von Handzeichen ausbrechen zu lassen, möchten wir hier eine einheitliche Verwendung von Handzeichen vorschlagen. Wir versuchen dabei die Anzahl auf ein Minimum zu reduzieren, sodass auch Menschen, die noch nie an einem solchen Plenum teilgenommen haben, schnell damit zurecht kommen. Zudem bitten wir darum, dass Handzeichen nicht eingesetzt werden, um Menschen in ihrer Rede zu verunsichern, was auch ungewollt passieren kann. Darum sollten Handzeichen mit Bedacht eingesetzt werden.
- Mit zwei Händen über dem Kopf wedeln:
Das soll allgemeine Zustimmung mit der gerade getroffenen Aussage symbolisieren. Das heißt so viel wie „Da stimme ich zu“ oder „Die Aussage finde ich richtig und wichtig“.
- Mit zwei Händen Richtung Boden wedeln:
Das bedeutet eine Ablehnung der eben getroffenen Aussage. Übersetzt etwa „Was gerade gesagt wurde, finde ich nicht gut“ oder „Da kann ich nicht zustimmen“ oder „Das sehe ich anders“.
- Beide Arme über dem Kopf zu einem Kreuz formen:
Dieses Zeichen bedeutet ein absolutes Veto. Das heißt ausformuliert „Mit diesem Vorschlag kann ich in keinster Weise leben“.
- Mit Händen eine Drehbewegung vor dem Körper:
Damit signalisieren wir, dass sich gerade wiederholt wird und die Diskussion sich im Kreis dreht. Sprachlich: „Wir wiederholen uns gerade, bitte lasst uns zum nächsten Punkt kommen“.
